Sei nicht du selbst
»How to Win Friends and Influence People«, Teil 2
Inhalt
Fünf Schauspieler enthüllen auf der Bühne ihr Leben. Sie stellen sich vor, stellen sich aus, öffnen ihre Privatsphäre und teilen ihr Selbst mit der Gemeinschaft. Sie sprechen über ihre Herkunft, ihre Biografien und ihre Motivation, Schauspieler geworden zu sein. Sie führen vor, wie sie verschiedene emotionale Zustände hervorrufen, wie sie sich in Vorgänge einfühlen und was es bedeutet, jemand anderes zu sein. Als Schauspieler spielen sie gleichzeitig sich selbst und nicht sich selbst auf der Bühne. Auf dem Punkt dieser absoluten Selbstausleuchtung enttarnt sich ihre Authentizität unmerklich als Prinzip der Verschleierung: Die Glaubwürdigkeit weicht einer potenziellen Fiktion, die in jeder Wirklichkeit enthalten ist. Wann sind wir glaubwürdig? Was wissen wir über uns? Wer wollen wir sein?
„Der größte Trieb in der menschlichen Natur ist der Wille, bedeutend zu sein.“ Dieser Satz des US-amerikanischen Philosophen John Dewey bildet die Grundlage zu Dale Carnegies Buch „How to Win Friends and Influence People“ (1936), einem Klassiker der Motivationsliteratur. Carnegie beobachtet, dass uns Kommunikation und Gemeinschaft nur dann gelingen, wenn wir diesem Bedürfnis Rechnung tragen. Wenn wir uns aufrichtig für den Anderen interessieren, aufmerksam zuhören, ihm dann und wann ein Lächeln schenken. Auf diesem Prinzip basieren verschiedene Formen von Gemeinschaft, die an Bedeutung gewinnen, je schneller sich traditionelle Muster kollektiver Sinnstiftung in nichts auflösen.
„Sei du selbst“ hieß der Schlachtruf der Neunziger- und Nullerjahre. Das autonome Selbst war Ziel und Paradigma einer sich nach Individualität sehnenden Gesellschaft. Kunst wie Kommerz setzten auf den authentischen Menschen als Rollenmodell für Freiheit und Emanzipation. Mittlerweile verbreitet sich Katerstimmung. Philosophen wie Robert Pfaller und Byung-Chul Han fordern wieder ein Recht auf Fiktion: weg vom Zwang zur Authentizität, mehr Spiel, mehr Verschleierung, mehr Illusion. Sei nicht du selbst!
Der Schweizer Theatermacher Boris Nikitin hat zuletzt am Schauspielhaus Graz in „Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl“ die Widerstandskraft des Einzelnen befragt und sich am Theater Freiburg mit der Gemeinde der Mormonen auf die Suche nach Gott begeben. Seine neue Arbeit, ein Auftragswerk von Schauspielhaus Graz und steirischem herbst, thematisiert angesichts des Paradigmenwechsels die gemeinschaftliche Radikalisierung: Wie werden wir handlungsfähig? Wie bringen wir uns wieder in die Lage, Entscheidungen zu treffen, die wirklich welche sind?
Koproduktion Schauspielhaus Graz, steirischer herbst, Kaserne Basel und
Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr
Gefördert durch Fachausschuss Theater und Tanz Basel-Stadt / Basel-Landschaft Gefördert von der Kunststiftung NRW